Tag 9 – 24.03.2020

Wir haben eine neue Regel: Ab heute fängt Sohnemann den Schultag mit seinem Corona-Tagebuch an. Zum Start setzt er sich an seinen Schreibtisch und denkt über den Vortag nach. Diesen soll er dann zu Papier bringen. Was war wichtig, was war schön, was nicht? Bevor hier einer denkt, dass dieses Tagebuch meine Idee gewesen ist: Schauen Sie einfach mal in den Text von gestern.

Dass dieses Tagebuch nicht die Idee von Sohnemann ist, merkt man unweigerlich bei seinen Ausführungen. „Das alles zu schreiben ist soooo lächerlich.“ – „Weißt Du denn, was lächerlich überhaupt bedeutet?“ Nein, er weiß es nicht. Da wir aber 8.05 Uhr haben und er seine Aufgaben erledigen soll, bin ich grade so gar nicht bereit, das mit ihm jetzt zu diskutieren. Denn eine einfache Erklärung des Begriffs wird von ihm natürlich nicht geduldet.

Außerdem habe ich heute ne verdammt kurze Zündschnur. Nicht dass ich langsam am Lagerkoller leide, davon bin ich noch sehr weit entfernt. Aber ich habe letzte Nacht einfach schlecht geschlafen. Ich bin in der Kategorie Lerche oder Eule eher bei den Eulen untergebracht. Angeblich sind Lerchen ja Frühaufsteher. Jetzt heißt es aber auch, dass der frühe Vogel den Wurm fängt. Das heißt also, dass Lerchen besonders viele Würmer abbekommen. Wie können diese überfütterten Biester dann überhaupt noch fliegen? Gemäß dem Wurm-Sprichwort müsste ich also absolut unterernährt sein, da ich ja, wie die Eulen, lange penne. Sie sollten mal sehen, wie meine Freunde und Verwandte bei diesem Bild auf dem Boden liegen und lachen. Ich weiß, dass ich vieles bin, aber nicht unterernährt. Ihr könnt jetzt wieder aufhören zu lachen, danke.

Grundsätzlich liegt es in meinen Genen, abends lange auf zu bleiben und dafür morgens etwas länger zu schlafen. Mit dem Beruf meiner Liebsten lässt sich das vielleicht noch in Einklang bringen. Im Notfall steht sie halt früher auf und verlässt das Haus. Mit einem schulpflichtigen Kind sieht das aber schon anders aus – nicht nur, weil ich ein gemeinsames Frühstück wichtig und gut finde. Zu normalen Schulzeiten bin ich auch dafür zuständig, dass Maestro pünktlich in der Lehranstalt ankommt. Die Lehrer akzeptieren das Argument, ich wolle mal ausschlafen, allerdings nicht. Irgendwie ignorant diese Pädagogen.

Ich glaube ja, dass Lehrer ihren Beruf gewählt haben, um Eltern zu ärgern. Und es fängt damit an, dass sie uns unfassbar früh aus dem Bett jagen wollen. Genau. Inzwischen belegen sogar Studien, dass vor allem an weiterführenden Schulen ein späterer Beginn für den Lernerfolg vorteilhaft wären. Aber nein, nicht hier in Deutschland. Da muss um 8 Uhr jeder an seinem Platz sitzen. Unausgeschlafene Schüler, aus dem Bett geworfen von unausgeschlafenen Eltern versuchen dann von teilweise unausgeschlafenen Lehrern etwas zu lernen. Eigentlich kann es gar nicht anders sein. Und die Sadisten unter den Schülern, die das System verstehen und Gefallen daran finden, werden später selber Lehrer. Ich habe Euch enttarnt, Ihr könnt aufhören und ab sofort so gegen 9.30 Uhr zum Unterricht bitten.

Hab ich das grade laut gedacht? Ups.

Wie also erwähnt, bin ich heute nicht unbedingt entspannt. Aufgeweckt ja, und das viel zu früh. Sohnemann sollte sich also etwas in Acht nehmen, wenn er wenig Stress haben möchte. Das habe ich ihm auch freundlich heute morgen mit auf den Weg gegeben, es soll keiner sagen, ich hätte ihn nicht gewarnt. Nun sind die Gene des kleinen Herren aber gerne auch auf Konfrontation gepolt. Getreu dem Motto: Meint Papa das auch so? Wenn ich ihn also vorwarne ist das eigentlich für ihn eine Aufforderung mich zu provozieren. Und obwohl ich exakt das weiß, mache ich trotzdem den gleichen Fehler immer wieder und warne ihn vor. Memo an mich selbst: Lass das. Dann lebt es sich einfach entspannter. Das Problem ist nur, dass ich mich an diese eigene Vorgabe im müden Zustand selbst nicht erinnere.

Es kommt also, wie es kommen muss. Ich sage, er solle seine Aufgaben machen. Er macht sie nicht. Ich drohe etwas an. Er glaubt nicht, dass ich das durchziehe. Ich ziehe das durch – wenn ich nicht konsequent bin, hab ich später noch ganz andere Probleme. Das komplette Konzept muss ich wohl nochmal überdenken.

Zurück zum Unterricht. Das offensichtlich ungeliebte Tagebuch lassen wir hinter uns und kümmern uns jetzt um Sachkunde. Es darf also geforscht werden. Sohnemann sucht sich den Hai aus, klemmt sich Schreibutensilien unter den Arm und pflanzt sich vor den Laptop. Finn wird nach dem Hai ausgefragt und unser Forscher klickt sich durchs Netz, schaut einen kurzen Kinderfilm des SWR und macht sich Notizen. Er dürfte also beschäftigt sein.

Und in der Tat sehe und höre ich über eine Stunde nichts mehr von ihm. Bildschirme üben eben doch eine faszinierende Anziehungskraft auf Kinder aus. Just in dem Moment, als ich denke er glotze einen Film nach dem anderen und hat garantiert seine eigentliche Aufgabe vergessen, stapft er die Treppe runter. Offensichtlich hat er seine Aufzeichnungen dabei. Mit stolzgeschwellter Brust liest er mir vor, was er herausgefunden hat. Ich bin beeindruckt. Und das Beste: Das war nur ein Zwischenfazit. Seine Forschungen gehen heute noch eine Stunde weiter. Wow, denke ich bei mir, es klappt also, wenn er motiviert ist.

Als wir am frühen Abend gemeinsam spielen, ruft Sohnemanns Opa, mein Vater an. Der Pädagoge im Ruhestand also, der für seinen eigenen Spaß immer noch ein paar Stunden an einer Schule Schüler und Eltern quält. Das ist übrigens ein weiterer Beweis meiner oben aufgestellten Theorie. Mit der Pensionierung fehlt es den Lehrern, Eltern und Kinder zu drangsalieren. Und da sie sich dann doch nicht an den eigenen Kindern und Enkeln austoben wollen – na immerhin – müssen auch im Ruhestand unschuldige Schüler dran glauben. Gebt auf, Lehrer, ich habe Euch durchschaut.

Mein Vater möchte mit Sohnemann sprechen. Der stellt das Telefon direkt laut, was Opa mitbekommt. „Und, wie gefällt Dir Schule zu Hause?“ Da ist ein Unterton in der Stimme. Da schwingt so etwas mit wie: „Hör gut zu mein Sohn, ich weiß, dass Du mithörst. Jetzt weißt Du mal wie das ist, mit dem Unterricht. Von wegen wenig Stress und Halbtagsstelle. Jahrelang hast Du mich als Lehrer aufgezogen und deine Witze gemacht, jetzt bin ich dran. Jetzt kommt meine Rache.“ In meinem Kopf höre ich ihn zudem in ein sehr dämonisches Lachen ausbrechen, das sehr lange nachhallt. Die Antwort von Sohnemann gibt mir dann fast den Rest. „Naja, geht so“, presst er hervor. Was er eigentlich meint ist: „Boah, geht mir das hier auf den Sack. Aber da Mama und Papa grade zuhören, sage ich lieber nicht, was ich denke.“ Aber mein Vater wäre nicht Lehrer, wenn er nicht nachfragen würde: „Und? Möchtest Du das jetzt immer so oder willst Du lieber wieder in die Schule?“ Jetzt bin ich aber neugierig. „Naja, also ich würde lieber wieder zur Schule gehen.“

Ha, nach nur einer Woche. Kann ich das bitte schriftlich haben? Wenn der feine Herr sich das nächste Mal morgens weigert aufzustehen, wenn es wieder in die Schule geht, werde ich dieses Schriftstück dann herausholen. Meine Zeit wird kommen, jawohl. Dass dies eben natürlich auch eine kleine Kritik am Unterricht zu Hause und entsprechend an mir war ist mir egal. Das war dein Fehler Freundchen und ich werde ihn nutzen. Jaaaa, hahahaha … (dämonisches Lachen).

An das weitere Telefonat kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich muss mir das unbedingt notieren. Der 7-Jährige ist lieber in der Schule, der 7-Jährige ist lieber in der Schule, der 7-Jährige ist lieber in der Schule – ich hab keine Zeit mehr. Bis morgen.

Der 7-Jährige ist lie…

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