Tag 8 – 23.03.2020

Montagmorgen, 6.27 Uhr, mit fröhlichem Gedudel des favorisierten Radiosenders reißt mich der Wecker aus dem Schlaf. Eigentlich ist es wie jeden Montagmorgen. Nach zwei Tagen an denen etwas länger geschlafen werden konnte, geht die neue Woche los, jetzt aber mit kleinen Unterschieden. Aufgrund des Homeoffices meiner Frau – ich arbeite ja eh zuhause – und der Schulschließung haben wir den Wecker eine halbe Stunde später eingestellt. Zudem ist am Frühstückstisch der Druck deutlich raus.

Schule beginnt um 8.00 Uhr. Da der Schulweg entfällt, haben wir also bis zum Start viel mehr Zeit. Das hilft zwar nur bedingt, um an einem Montagmorgen in die Pötte zu kommen, aber wenigstens ein bisschen. Waschen, Anziehen, alles klappt wie am Schnürchen und wir sitzen pünktlich gemeinsam am Tisch. Selbst ohne Schulschließung wären wir absolut im Zeitrahmen. Und das, obwohl wir später aus dem Bett sind und uns nicht abgehetzt haben. Das ist der Beweis: Wenn man Zeit hat, läuft diese auch wirklich langsamer. Von wegen Relativitätstheorie. Dieser Einstein war wohl doch nicht so clever.

Die Dame des Hauses verschwindet im Homeoffice-Büro, Sohnemann und ich machen uns auf den Weg ins Kinderzimmer an seinen Schreibtisch. Was steht denn heute an? Das am 1. Tag gebastelte Rad zeigt Deutsch an. Ich gehe aber erstmal den gesamten Wochenplan der Schule durch. Mal sehen: … Mathe, Seite xy im Buch, okay… Sachkunde, Arbeitsblätter… Deutsch, Tinto-Ordner und schreibe täglich in dein Corona-Tagebuch, ah ja… Mooooment. „Du sollst ein Tagebuch schreiben?“ – „Ja, aber nur, wenn ich deutsch habe.“ – „Aber da steht doch täglich?“

Ich glaube ich muss da nochmal genau erklären was täglich bedeutet. Also für mich heißt das eigentlich: Jeden Tag. Montag, Dienstag, Mittwoch, und so weiter. Und da steht auch nichts von „täglich, wenn Du Deutsch machst“. Sohnemann sieht das offensichtlich etwas anders. Hatte ich schon erwähnt, dass er gerne diskutiert und damit sogar immer wieder recht hat. Aber ich bin hier der Papa – ich glaube auch das hatte ich schon mal gesagt. Und damit beende ich diese Diskussion jetzt.

Nein, ich habe die Diskussion nicht beendet. Es ging ein wenig hin und her, wobei der 7-Jährige irgendwann nur noch die gleichen Argumente brachte. Außerdem fingen alle seine Sätze dann mit „Aber Papa“ an. Als ob ich hier mit nem Kind diskutiere. Oh, Moment…

Letztlich hat er eingesehen, dass täglich dann irgendwie doch auch täglich bedeutet und er legte los. Bleistift gespitzt, Datum drangeschrieben, der erste Satz ist flink zu Papier gebracht. Zufrieden lehnt sich unser Schulkind zurück. Ah, er denkt nach, was er jetzt noch ins Tagebuch schreibt. Ich widme mich wieder meiner Arbeit im Wohnzimmer. Gut zehn Minuten später, höre ich jemanden über mir poltern. Der Herr scheint mit seiner Aufgabe also fertig zu sein, denke ich, schauen wir doch mal nach.

Da liegt der Kleine mit seinen Lego-Harry-Potter-Figuren und spielt. Ich ignoriere das und frage: „Und, wie weit bist Du im Tagebuch gekommen?“ – „Fertig“. Ich hatte nichts anderes erwartet. Mein Blick fällt auf den soeben entstandenen epischen Text. Er besteht aus… Trommelwirbel… einem Satz. Genau dem einen Satz, den er vor zehn Minuten bereits aufgeschrieben hatte. „Wo ist denn der Rest?“, frage ich vorsichtig. Völlig verständnislos blickt mich der Kleine an. Der Blickt sagt: „Wieso Rest? Mehr ist gestern doch nicht passiert. Wie kommst Du darauf, dass ich mehr aufschreiben könnte, ich bitte Dich.“ Ich weiß, so ein Tagebuch ist ganz persönlich und da darf niemand drin lesen und so. Aber ich glaube, seinen ersten Eintrag kann ich zitieren: „23.03.2020: Ich habe gespielt.“ Wow, tiefgründiger könnte es nicht sein. Allerdings beschreibt dieser Satz eben genau alles, was Sohnemann am Vortag gemacht hat. Warum mit Details aufhalten? Was geht es das Tagebuch auch an, ob es Brettspiele, Lego oder sonstwas war. Am Konzept des Tagebuchs können wir also eventuell noch ein bisschen arbeiten.

Neben diesem wortreichen Eintrag in sein persönliches Geschichtsbuch steht jetzt noch Deutsch auf dem Programm. Wir nehmen uns wieder Blätter aus dem Tinto-Ordner und verabreden, dass er eine Geschichte schreiben kann. Derzeit entsteht nämlich das nächste Buch zu Harry Potter. Geschrieben von meinem Sohn. Das Schöne daran ist, dass ich ihn nicht motivieren muss. Er ist selbst so Feuer und Flamme, dass er stundenlang daran sitzt und schreibt, malt und vor allem grübelt, wie es weitergeht. Zeit für mich also, konzentriert im Wohnzimmer selbst zu arbeiten.

Laptop auf den Schoß, Textverarbeitung geöffnet, los geht es. Bumm, bumm, bumm – was ist das denn? Bumm, bumm, bumm – kommt das etwa von oben? Bumm, bumm, bumm – ja eindeutig, da ist wieder jemand aktiv. Ich hatte ja bereits gesagt, dass ich durch die Decke exakt hören kann, wo sich Sohnemann in seinem Zimmer befindet. Es klingt aber nicht so, als ob er quer durch die Bude läuft. Vielmehr scheint er an seinem Schreibtisch zu sitzen und mit dem Fuß auf den Boden zu stampfen. Es klingt sogar leicht rhythmisch, als ob er gedankenverloren während der Arbeit mit den Füßen trommelt. Das kennen bestimmt viele von sich. Ich knete beispielsweise einen kleinen Ball, wenn ich nachdenke. Er scheint also zu arbeiten und muss dabei die Füße bewegen – von mir aus.

Bumm, bumm, bumm – also so ein bisschen nervig ist das ja schon. Ich bin überzeugt, dass er nicht feste trampelt, aber Holz hat ja so fantastische Eigenschaften im Bereich Akustik. Bumm, bumm, bumm – langsam beginnt die Wohnzimmerlampe im Takt der Füße zu wippen. Ich lerne also direkt etwas zur Physik. Aus Bewegung wird Schall und daraus wieder Bewegung. Faszinierend. Bumm, bumm, bumm – so langsam nervt mich das mehr. Die Lampe wird immer mehr zur Schaukel. Immerhin hängt sie an einem Stahlseil, da wird schon nichts passieren. Bumm, bumm, bumm – ruhig bleiben, er arbeitet ja. Die Lampe übrigens auch. Gleich schlägt sie an der Decke an. Bumm, bumm, bumm – nein, das geht so nicht. „Du hör mal, ich möchte mich konzentrieren und kann das aber nicht, wenn Du mit den Füßen auf den Boden trommelst.“ – „Ich möchte das aber.“ – „Ich habe Dir doch erklärt, dass ich das unten alles höre und sogar viel lauter, als Du hier oben.“ Mit einem letzten Stampfer und den Worten „Na gut“, beendet er das Fußkonzert. Die Lampe war leider nicht mehr zu retten.

Ein bisschen Schwund ist bekanntlich immer. Fahre ich morgen also in den Baumarkt eine neue kaufen. Ach nee, die sind ja zu. So eine nackte Fassung am Kabel sieht aber auch cool aus. Das hatte ich in meiner ersten Bude auch. Vom ersten bis zum letzten Tag. Das Grundbedürfnis nach Licht war stets befriedigt und wenn man nicht zur Decke schaut, fällt es auch nicht groß auf. Außerdem frisst so ein Lampenschirm doch auch Licht. Aus rein ökologischer Sicht ist das also kontraproduktiv. Der Blick meiner Frau verrät, dass ich damit wohl nicht durchkomme…

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