Tag 5 – 20.03.2020

Freitag, letzter Schultag der Woche und damit auch der letzte Tag der ersten Woche in der Schule zu Hause. Für heute steht schonmal fest, dass es keine Hausaufgaben geben wird, das ist jeden Freitag so. Aber den morgendlichen Unterricht haben wir hier natürlich trotzdem. Da meine Frau wieder das Homeoffice beansprucht, schlage ich zum Schreiben mein Lager im Wohnzimmer auf. Die Dame des Hauses möchte verständlicherweise das Büro für sich haben, also ziehe ich um. Im Wohnzimmer ist es auf der Couch mit dem Laptop auch deutlich gemütlicher, ha 1:0 für mich.

Beim Sohnemann steht heute Mathe auf dem Programm. Über die Lehrerin haben wir entsprechende Aufgaben bekommen, er weiß also, was er zu tun hat und kann direkt loslegen. Ich befürchte allerdings, dass es nicht lange dauern wird und er strahlend runterkommt mit „Hier Papa, fertig.“ Vielleicht lässt er sich in seinem Zimmer auch von den zahlreichen Dingen, die er sonst tun kann, ablenken. Wir werden es sehen. Zu Beginn sind alle in Ihren Räumen, ich mache es mir also auf der Couch gemütlich und schreibe Tag 4.

Zumindest versuche ich das. Denn über mir poltert es nach wenigen Minuten. Wir haben eine Zwischendecke aus Holz und die zeigt mir grade sehr anschaulich, wie die akustischen Fähigkeiten dieses schönen Materials doch sind. Selbst wenn Sohnemann auf Zehenspitzen über den Boden schleichen würde, könnte ich wahrscheinlich noch exakt sagen, wo er sich im Zimmer befindet. Aktuell ist er aber eher im Modus „Godzilla“ und soweit ich weiß, ging dieses Monster selten auf Zehenspitzen.

Jetzt weiß ich auch, was meine Eltern vor rund 30 Jahren meinten, als sie fragten: „Sag mal, reißt Du da oben die Bude ab?“ Ich hatte damals zu Weihnachten eine Carrera-Bahn geschenkt bekommen – mit Steilkurve und Looping. Zu meiner Zeit war das der Traum eines jeden kleinen Jungen. Ich bin am Wochenende gerne früh aufgestanden und hab Porsche und Mercedes gegeneinander rasen lassen. Eine Etage darunter schliefen meine Eltern. Es muss höchst faszinierend gewesen sein, wie sich die Schleif- und Fahrgeräusche über die Zimmerdecke und Dachbalken aufgebauscht haben und in den kleinen Holräumen noch kleine Verstärker gefunden haben. Kurzum: Während oben die spannendsten Rennen der Carrera-Geschichte ausgefochten wurden, muss es eine Etage tiefer etwa so geklungen haben, als ob das komplette Fahrerfeld der Formel 1 in einen Tunnel abtaucht und die Motoren nochmal extra hochdreht. Und das Bett meiner Eltern stand wenige Millimeter neben dieser Fahrbahn mitten im Tunnel. So sah zumindest mein Vater aus, als er leicht angesäuert plötzlich in der Tür auftauchte. Ich fand 5.30 Uhr sei die perfekte Uhrzeit für einen Rennstart. Kleine Info am Rande: war es nicht.

Zurück zum Nachwuchs, der oben grade die zweite Stufe seiner Aktivitäten zündet. Vorhin war es nur der Schreibtischstuhl, der hin und her rollte. Jetzt scheint der Herr im Zimmer auf und ab zu laufen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf dem Matheblatt gefordert war. Ich schleiche mich nach oben und siehe da: die Aufgabe scheint in Vergessenheit geraten zu sein. „Du sag mal, bist Du fertig?“, frage ich. Sohnemann fährt derart erschrocken zusammen, dass er mir fast ein wenig Leid tut. Er hatte mich offensichtlich nicht kommen hören. „Hör mal, ich weiß, dass Du grade nicht Mathe machst.“ – „Wieso?“ ist die Gegenfrage mit einer Unschuldsmiene, dass ich ihm fast glauben würde. „Ich bin Papa, ich sehe alles.“ – „Das glaube ich Dir nicht. Du bist nicht im Zimmer und eine Kamera hast Du hier auch nicht installiert.“ Sagst Du mein Kleiner, sagst Du.

Aber er bringt mich da auf eine Idee. Ich glaube ich habe letztens online ne gute Webcam mit integriertem W-LAN gefunden. Die brauchte nur einen Stromanschluss, war winzig klein und mit integrierter Nachtsichtfunktion. Wenn ich die oben in die Ecke des Zimmers installiere, müsste ich nur am PC sitzen um exakt zu sehen, was er da so treibt. Allerdings: will ich das wirklich? Immerhin müsste ich bei wachsendem Lärm nicht mehr Treppen steigen und mit fortschreitendem Alter muss ich doch meine körperlichen Ressourcen schonen. Ich frag gleich mal meine Frau, was die davon hält. Das wäre doch zur Überwachung perfekt…

Ich wurde grade für komplett verrückt erklärt. Was mir denn einfiele und ob ich hier ne zweite DDR aufmachen wollen würde. Dabei hab ich doch nix von Todestreifen und Mauer gesagt. Ich solle ihm auch mal vertrauen und ohnehin wäre das nur rausgeschmissenes Geld. Außerdem könnte ich mich ruhig mal bewegen. Also werde ich das mit der Kamera doch nochmal überdenken müssen.

Also zurück zu unserem Erstklässler, der trotz meines Einwandes er solle seine Aufgaben erledigen, weiterhin im Zimmer tobt. Ich erkläre ihm, dass ich jeden seiner Schritte hören kann und daher genau weiß, ob er arbeitet oder nicht. Sein Gesicht verrät mir, dass er gerne sofort in einen schicken Beton-Neubau mit schallschluckenden Decken umziehen möchte. Da er weiß, dass das nicht geht, setzt er sich wieder an den Schreibtisch. Ich kann mich also wieder meinem Text widmen.

Kaum habe ich auf der gemütlichen Couch Platz genommen, poltert es wieder von oben. „Wow“, denke ich, „klappt ja super heute.“ Doch dann quietscht die Zimmertür und der Kleine stapft die Treppe runter. Als sich unsere Blicke treffen, und ich grade den Mund öffne, sagt er schnell: „Ich muss nur zur Toilette.“ – „Aber dann gehst Du hoch und machst die Aufgaben fertig.“ – „Ja natürlich“, kommt als Antwort, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt. Kaum ist er im Zimmer zurück, höre ich ihn schon wieder die Treppe runterkommen. „Warst Du auf dem Klo und hast vergessen, was Du da wolltest?“ – „Nö, ich bin fertig.“ Ich hatte es befürchtet.

Noch ist der halbe Schulvormittag übrig. Also was tun? Ich möchte gerne weiterschreiben, die Schulaufgaben für diese Woche sind durch, im Prinzip hat er jetzt frei. Aber meist kommt genau dann, wenn man nicht damit rechnet, der rettende Vorschlag von unerwarteter Seite. „Darf ich in der restlichen Schulzeit heute, eine Geschichte schreiben?“ Das nenne ich mal Erfolg. Der Kleine hat verstanden, dass jetzt noch Schule ist und er schlägt selbst etwas vor. Ich bin baff. „Natürlich darfst Du das.“ Glücklich zieht er von dannen und wird bis zum Mittagessen nicht mehr gesehen. Und selbst danach, kann ich ungestört weiterarbeiten. Mir ist das fast schon unheimlich, aber mit dem Keyboard und neuen Noten ist Sohnemann auch am Nachmittag absolut zufrieden und beschäftigt.

Bildhinweis: knipseline / pixelio.de

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