Tag 4 – 19.03.2020

Gestern war Bergfest der Woche, heute geht es weiter. Stück für Stück grooven wir uns ein. Während meine Frau sich heute dann doch noch einmal für einen Tag ins Büro verabschiedet hat, liegt die Aufgabe des Ersatzlehrers wieder bei mir. Ich komme also nicht umhin, mir endlich auch mal gemeinsam mit Sohnemann die Aufgaben aus der Schule anzuschauen. Aber wir machen das Stück für Stück.

Am Schreibtisch des Kleinen fällt mein erster Blick auf das am ersten Tag gebastelte Rad. Der Pfeil steht auf „Sachkunde-Unterricht“. Mal sehen, was uns die Lehrerin für diese Woche bereitgestellt hat. Das erste Blatt fordert uns dazu auf, im Wald nach bestimmten Pflanzen zu suchen. Eigentlich eine super Idee. Dumm nur, dass wir derzeit nicht raus sollen. Da mache ich der Lehrerin aber keinen Vorwurf. Wer konnte denn ahnen, dass es in der ersten Corona-Schulfrei-Woche so krass wird und wir immer weiter eingeschränkt würden?

Also auf zu Blatt zwei. Ich sehe diverse Zwiebelblumen in schwarz-weiß, darunter Linien zum Beschriften und ich denke mir: Sollen die Kinder die korrekt benennen? Wer soll die denn kennen? Also ich wäre raus. Ich kann grad noch Tulpen und Osterglocken unterscheiden, das war‘s. Vielleicht haben sie das ja im Unterricht durchgenommen, aber von einem schwarz-weiß Bild genau zu sagen, dass da ein Krokus zu sehen ist, halte ich für weit hergeholt. „Papa, dass da ist eine Hy-a-zin-the und dass eine Tulpe.“ Moment mal, ich muss erst mal im Duden nachschlagen, wie man Hyazinthe schreibt und Du weißt, wie die aussehen? Als der Filius auch noch zielsicher die anderen Blumen mit Namen kennt, ist mir klar, dass das vergangene Woche Unterrichtsstoff gewesen sein muss.

Oder, dass Papa einfach noch eine Seite hätte weiterblättern müssen. Denn da sind eben genau alle Blumen mit Namen abgebildet, in Farbe. Damit steht die Aufgabe des Tages fest: Male die Blumen bunt an und schreibe die richtigen Namen ordentlich drunter. Da bin ich ehrlich gespannt. Denn mit der Sorgfalt ist das bei uns so eine Sache. Der Wunsch, alles ordentlich und sauber zu schreiben, Buchstaben grade auf eine Linie zu bringen, Groß- und Kleinschreibung zu beachten und die Abstände zwischen den Worten einzuhalten ist beim Nachwuchs eher gering ausgeprägt.

Ich weiß gar nicht, woher er das hat – von Mama garantiert nicht. Eventuell könnten hier zwei oder drei meiner Gene im Spiel sein. Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit. Im Prinzip war ich ein guter Schüler. Es gab nur drei Dinge, in denen ich schlecht war. Also nicht ein bisschen weniger gut, nein absolut übel, Schlechtester der Klasse, vielleicht sogar der ganzen Schule:

  1. Sport. Ich war klein und dick. Mit diesen Voraussetzungen fällt Laufen und Springen nicht leicht. Außerdem war ich eher ungeschickt. Die jährlichen Bundesjugendspiele habe ich gehasst. Denn ich war einer von vielleicht drei Schülern, die es nicht mal zu ner Siegerurkunde brachten. Ich war zu unsportlich, die Minimalvoraussetzungen zu erfüllen. Jede Siegerehrung am Ende eines Schulsportfestes war eine persönliche Demütigung. Beim Schwimmen war das nicht besser. Immerhin hatte ich genug Körperfett, um stets knapp unter der Wasseroberfläche zu dümpeln. Ich musste nur den Kopf heben, um zu atmen. Der Lehrer konnte also sicher sein, dass der kleine Brocki nicht absäuft. Glücklicherweise reichte das an der Grundschule immer noch zu einer drei, der schlechtesten Note, die man im Sport bekanntermaßen bekommen kann. „Wegen Sport muss niemand sitzenbleiben“ scheint der wichtigste Grundsatz von Sportlehrern zu sein. Im Nachhinein bin ich dafür dankbar, ansonsten wäre meine Versetzung mehrfach stark gefährdet gewesen.
  2. Kunst: Ich habe gern und viel gemalt. Aber schön war das dann nicht. Mir hat das auch nur Spaß gemacht, wenn ich malen durfte, was ich wollte. Das kollidierte allerdings meist mit den Vorstellungen der Lehrer. Kunst kommt ja bekanntlich von Können und ich konnte mit Stift oder Pinsel irgendwie nichts. Wenn es manchmal etwas handwerklicher wurde, war es schon besser. Ich weiß noch, wie wir häkelten. Da habe ich auf dem Fußweg nach Hause mal eben mehrere Meter Luftmaschen gehäkelt. Als ich zuhause ankam hatte ich einen neuen Schal nur aus Luftmaschen. Das war lustig.
  3. Schönschreiben. Wieso sollten meine Buchstaben schön aussehen? War das hier Schreiben oder Kunst? Ich habe das nie verstanden. Und wessen Schrift nicht gelesen werden kann, bei dem kann auch niemand abgucken. Das wäre ja auch blöd in ner Klassenarbeit. Stellen Sie sich das mal vor. Mitten in der Deutsch-Arbeit flüstert der Tischnachbar: „Hey Du, ich weiß die Antwort zu Frage 3 nicht und Deine Sauklaue kann ich nicht lesen.“ Da steht doch binnen Sekunden der Lehrer am Tisch und verwarnt einen. Später im Beruf, vor allem als Journalist, ist es erst recht blöd, wenn die Kollegen lesen können, was man sich notiert. Schwierig wird es erst, wenn man das eigene Gekritzel auch nicht mehr lesen kann…

Es könnte also eventuell sein, dass dieser ausgeprägte Sinn für Schönschrift auch bei Sohnemann angekommen ist. Immerhin gibt es ein paar Kriterien, die relevant sind – Größe der Buchstaben und Abstände sind zwei ganz wichtige. Daran können wir uns entlanghangeln, während ich versuche meine persönliche Ansicht zum Thema schöne Schrift zu verbergen. Er wird noch früh genug merken, wie ich zu dem Thema stehe.

Mit den Blumen bekommen wir den Schultag allerdings nicht rum. Glücklicherweise gibt es noch den Hausaufgabenplan. Da ist für heute noch was übriggeblieben. „Darf ich, wenn ich das fertig habe wieder Musik machen?“ Da soll mal einer sagen, die Schulschließung sei schlecht. Dass Sohnemann an Musik interessiert ist, war mir klar. Aber das bisher gezeigte Talent schlummerte bis Wochenbeginn. Ich verspreche also, ihm die Noten von Star Wars auszudrucken. „Aber ohne die Buchstaben dran. Ich kann die Noten lesen.“ Ja mein Kleiner, das konnte ich auch mal. Vielleicht sollte ich auch mal wieder mehr Musik machen. Zeit dazu habe ich aktuell ja genug.

Bildhinweis: S. Hofschlaeger  / pixelio.de

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