Tag 2 – 17.03.2020

Das wird heute garantiert kein einfacher Tag. Nach einer viel zu kurzen Nacht, die irgendwie unruhig verlief, gehen wir heute in den zweiten Tag der „Schule zu Hause“. Die Dame des Hauses verabschiedet sich frühzeitig in Richtung Büro und die beiden Männer haben sich für 8.00 Uhr im Kinderzimmer verabredet. Am dortigen Schreibtisch geht es dann weiter. Bereits gestern Abend haben wir besprochen, dass heute Musik auf dem Stundenplan steht.

Sohnemann ist ein unfassbar großer Harry Potter Fan. Die Titelmelodie „Hedwig’s Theme“ möchte er auf seinem Kinderkeyboard nachspielen können. „Dann hör es Dir doch raus“, war gestern noch meine lapidare Antwort. „Wie raushören?“, sein Gesicht ist mit derart vielen Fragezeichen gefüllt, dass ich wohl deutlich weiter vorne anfangen muss. Auch der verächtliche Seitenblick meiner Frau verrät mir, dass das wohl nicht ganz so leicht wird.

Dabei habe ich das als Jugendlicher doch ständig gemacht. Ich war in einer Coverband und Geld für Noten hatten wir nicht. Also saßen wir stundenlang vor dem Kassettenrecorder und haben die Lieder Stück für Stück laufen lassen. Während sich der Sänger versuchte auf den Text zu konzentrieren, hörte sich der Gitarrist seinen Part an, ich versuchte den Basslauf zu hören und der Schlagzeuger trommelte wie wild auf dem Tisch rum. Alle drei Sekunden brüllte einer „stopp, spul nochmal zurück“, was aus den 3.30 Minuten gerne mal 3 Stunden machte. Irgendwann trommelte der Gitarrist auf den Schlagzeuger ein, der Sänger sang einen Text, den er zu hören geglaubt hatte, aber selten den echten Text und ich holte uns was zu Essen beim Burgerbrater um die Ecke, da man bei unserem Kassettenrekorder den Bass eh kaum hören konnte. Aber wir hatten Spaß und irgendwie kamen wir auch zu zwei Auftritten. Raushören ist für mich also kein Problem.

Vielleicht sollte ich das ganze bei Sohnemann etwas langsamer angehen. Als wir damals mit der Band zusammensaßen, hatte ich schon zehn Jahre musikalische Erfahrung an Blockflöte, Geige, Schlagzeug und Bass genossen. Der 7-Jährige hat außer mit dem Kinderkeyboard bisher Musik gemacht, indem er den I-Pod startete. Ich zeige ihm also kurz online, dass man dort Notenblätter finden kann. „Du musst darauf achten, dass auch Buchstaben mit drunterstehen.“ Dass jede Note einem bestimmten Buchstaben zugeordnet ist, weiß er bereits. So setze ich ihn also vor den präparierten Laptop, an dem er über fragfinn.de im Internet suchen kann und gehe wieder an die Arbeit.

Da Maestro von Bildschirmen magische angezogen wird und er wirklich dringend das Lied spielen können will, dürfte ich eine ganz Zeit meine Ruhe haben. Hab ich auch. Exakt drei Minuten. „Paapaaaa, ich finde nichts.“ Ausdauer hat er wirklich, das muss ich ihm lassen, nicht. „Dann such mit blinde Kuh“. Für alle, die es nicht wissen: blinde-kuh.de ist eine weitere Suchseite für Kinder im Internet. „Aber Papa, das haben wir doch schon in der Schule festgestellt. Blinde Kuh ist wirklich blind und findet noch weniger.“ Willkommen in 2020, wo Suchseiten wirklich Suchseiten und leider keine Findeseiten sind.

Also setze ich mich zu ihm. „Zeig mir mal, was Du eingegeben hast.“ Im Zwei-Finger-Suchsystem tippt er „harry potter musik noten“ ein. Keine schlechte Sucheingabe, denke ich. Das Ergebnis lässt mich enttäuscht auf den Bildschirm starren. Finn leitet uns zu irgendwelchen Klassikseiten im Netz, zu einer Erklärung von kika, ob wir uns mit einem Tarnumhang unsichtbar machen können und auf die Internetpräsenz von Anne Sophie Mutter. Hilfreich für unseren Fall sind alle drei Einträge nicht. Da wäre ich auch nach 3 Minuten frustriert gewesen. Also setzen wir uns an meinen PC, nehmen Google und ich tippe exakt die gleiche Suche ein, wie eben noch der Kleine. Drei Minuten später drucken wir eine passende Seite aus und Musik kann endlich starten.

Mit einem schwarzen Edding schreibe ich die Notennamen auf die weißen Tasten seines Keyboards und erkläre ihm, wie die Halbtöne, also die schwarzen Tasten entsprechend heißen. Mit den Worten „Jajaja, jetzt geh und lass mich endlich Musik üben“ werde ich aus dem Zimmer geworfen. Nur um gefühlte drei Sekunden später wieder gerufen zu werden. Ich hatte grade die Treppe nach oben erklommen und vor meinem PC Platz genommen, da tönt es von unten: „Papaaa, das ist falsch.“ – Atmen, immer atmen und ruhig bleiben, denke ich mir. War aber auch mein Fehler. Ich hatte die gefundenen Noten nicht nachgespielt. In Gedanken sehe ich mich weiter im Internet nach den passenden Blättern suchen, stundenlang – ich hab hier ja sonst nix zu tun.

Die Noten stimmen. Problem: Das Instrument ist falsch. „Ich habe so viele unterschiedliche Instrumente auf dem Keyboard, aber keins klingt wie bei Harry Potter.“ Nein ein Glockenspiel oder – wie im Original – eine „Celesta“ hat er leider nicht in der Palette. „Das ist aber doch nicht so wichtig. Du kannst ein ganz normales Klavier nehmen. Wichtig ist doch, dass die Melodie stimmt.“ Der Musiker in mir würde die Lieblingsmelodie zur Not auf einem Grashalm pfeiffen, Sohnemann ist da anders. Für ihn muss es das Original sein. Ich erkläre ihm, dass das leider nicht geht. Wenn er darauf besteht, müssten wir Musikunterricht leider beenden und Mathe oder Deutsch machen – das wirkt.

Während er also wieder anfängt zu klimpern, kann ich mich auch wieder der Arbeit widmen. Die ersten Versuche klingen für mich auch vielversprechend. Also nicht dergestalt, dass er es schnell hinbekäme, sondern, dass ich lange meine Ruhe habe und er intensiv am Stück sitzt. Denkste. Nur 30 Minuten später trottet das Schulkind mit Keyboard unterm Arm die Treppe rauf. „Was ist los? Gibt es ein Problem?“ – „Ich bin fertig.“ Natürlich. Mit meiner Band konnte ich nach Stunden nicht mal nen halben Song und Du bist nach 30 Minuten mit Hedwigs Theme fertig? Aber gut, denke ich und sage laut: „Dann lass mal hören. Wo sind denn die Noten?“ Mit einem Blick der Verachtung und des absoluten Unverständnisses meint der Herr nur knapp: „Pff, das kann ich auswendig.“

In meinem Kopf beginnt es zu kreisen. Pass mal auf Du kleiner Klugscheißer. Das, was ich in meiner kurzen Musikerkarriere – ich war nie besonders talentiert – gehasst habe wie die Pest, machst Du mal eben nebenbei? Auswendig? Pah. Das alles denke ich natürlich nur. Wenn er es auswendig kann, muss er es auch beweisen.

Die nächsten zwei Minuten lassen mich gleichzeitig vor Stolz platzen und erschüttern meine eigenen musikalischen Fähigkeiten bis ins Mark. Er kann es auswendig. Es holpert noch ein wenig und von echtem Klavierspiel ist das noch meilenwert entfernt, aber das war auch nicht gefordert oder zu erwarten. Ich höre tatsächlich Hedwigs Theme und Maestro ist stolz wie Bolle. Der Blick auf die Uhr verrät mir allerdings: Mehr als eine Stunde Unterricht ist noch nicht vergangen. Ich muss mir was einfallen lassen.

„Hast Du mal gesehen, wie Opa Klavier spielt? Der benutzt ja alle zehn Finger. Versuch doch mal, die Finger auf die Tasten zu verteilen und mit allen Fingern zu spielen.“ In Erwartung eines „Nö, ich mach das so“ grübel ich, was er sonst machen könnte. Die Materialien aus der Schule bekommen wir erst heute. Doch der Kleine lässt sich darauf ein, trottet von dannen und Minuten später ertönt wieder wildes Geklimper aus dem Kinderzimmer.

Die Frühstückspause vergisst unser Musiker komplett. Dabei habe heute ich Hunger. Aber ich möchte ihn nicht stören. Erst als auch das Mittagsessen seinem Eifer zum Opfer zu fallen droht, mische ich mich ein. Als wir essen taucht auch die Dame des Hauses auf. Der Arbeitgeber ermöglicht mehr Homeoffice und da sie ja kurz an der Schule war, um die Unterlagen für Sohnemann zu holen, wollte sie die Arbeit nach Hause verlegen. Schön, sind wir wahrscheinlich die nächsten Tage also zu dritt. „Wir haben einen genauen Plan bekommen, was die Kinder jetzt machen sollen“, erklärt mir meine Frau. „Und dann gibt es ja noch den Hausaufgabenplan, den wir schon haben.“ Moment. Wir haben was? „Den Plan hat er doch letzte Woche schon bekommen“, erklärt meine Herzensdame. Sohnemann hat bis hierhin auf seinem Brot gekaut und zugehört. Jetzt versucht er sich vorsichtig von seinem Stuhl zu schieben und unbemerkt zu entwischen. „Sag mal“, frage ich ihn schnell, „hast Du einen Hausaufgabenplan, der für diese Woche gilt?“ Der kleine Faulpelz erkennt, dass er nicht entkommen kann und antwortet selbstbewusst. „Ja klar.“ – „Und warum hast Du davon nichts gesagt?“ – „Mich hat niemand gefragt.“ Ok, Punkt für ihn. Immerhin haben wir jetzt ab morgen einen echten Plan und sogar Hausaufgaben. Langweilig wird uns schon mal nicht. Jetzt gilt es nur noch, ihn auch dafür zu motivieren. Wird bestimmt ein Klacks…hoffentlich.

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