Tag 10 – 25.03.2020

Unter der Dusche fällt es mir plötzlich ein und mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Also nein, nicht das Wasser, das ist schön warm. Aber: Sohnemann ist mindestens 5 Wochen zuhause und zwei Wochen davon sind ja Ferien. Jetzt haben wir vormittags eine feste Arbeit und Beschäftigung für ihn. Er weiß aber ganz genau, dass in eineinhalb Wochen die Osterferien beginnen. So wie ich ihn kenne, will er dann von Schule nichts wissen, aber trotzdem was machen. Ich brauche dringend einen Plan.

Immerhin heute habe ich genau den noch. Auf dem Programm steht neben dem Corona-Tagebuch auch Englisch. Denn in seinem regulären Stundenplan ist mittwochs ebenfalls die Fremdsprache vorgesehen. Glücklicherweise haben wir ein TipToi-Buch zum Englisch lernen. Bei diesem Spielsystem steuert man alles mit einem dicken Stift, der an seiner Spitze eine kleine Fotozelle hat. Tippt man im Buch auf ein Bild oder einen Text erkennt diese Zelle, worum es sich handelt und der Stift liest den Text vor, sagt etwas zum Bild oder stellt eine Aufgabe.

Sohnemann kennt das System und mag es sehr gerne. Wir sind also überzeugt, dass ihn das Buch zum Englischlernen auch gefällt. Vorsichtshalber haben wir es schon gestern Abend einmal bei ihm angesprochen und da er direkt im Buch blättern wollte, bin ich mir sicher, dass das jetzt auch was wird. Nachdem also wiederwillig das Tagebuch abgehandelt wird und ich tatsächlich ganze fünf Sätze präsentiert bekommen habe – man muss auch mit den kleinen Dingen glücklich sein – darf er also mit Englisch loslegen.

Für ihn ist es ein Spiel. Es gibt zu Beginn eine kleine Erklärung, dann tippt er sich wild durch die Seiten. Da ich den Umfang diverser TipToi-Produkte kenne, bin ich guter Hoffnung, dass er jetzt über Stunden beschäftigt sein wird. Allerdings kollidiert die Begeisterung für so sein Spiel auch gerne mal mit der etwas geringeren Ausdauer meines Nachwuchses. Solange ihm Dinge in den Schoß fallen und er beständig vorwärtskommt, ist er nicht zu bremsen. Aber wehe er stößt an Schwierigkeiten. Den Ehrgeiz, durch Üben und Wiederholen etwas zu schaffen kann man getrost als gering bezeichnen.

Und wie sagte ein Kollege letztens zu mir: „Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd.“ Ich glaube zwar, dass ich das Sprichwort irgendwie anders in Erinnerung habe, aber letztlich muss ich ihm da Recht geben. Ich weiß noch gut, wie ich so gar keine Lust auf Lernen hatte. Entweder ich konnte etwas auf Anhieb oder eben nie. Üben fand ich als Kind ebenfalls absolut sinnlos.

Genauso habe ich auch das Konzept der Hausaufgaben nicht geliebt. Am Gymnasium sagte mein Mathelehrer deshalb auch zu mir. „Du machst die Hausaufgaben, damit Du es danach kannst.“ Merken Sie auch seinen Fehler? Für mich bedeutete dieser Satz im Umkehrschluss: „Wenn Du es schon kannst, musst Du keine Hausaufgaben machen.“ In etwa genau so habe ich das damals dann auch meinem Lehrer gesagt. Es könnte sein, dass ich es etwas frecher formuliert habe, aber die Aussage blieb im Kern gleich. Sekunden später konnte ich sehen, dass er seinen eigenen Fehler erkannte und in einen Zustand leichter Erregung geriet. Zuerst verengten sich die Augen, dann wechselte die Gesichtsfarbe von Schweinchenrosa zu Kirschrot und ich konnte sehen, wie er versuchte die passenden Worte zu finden.

Das Problem war: Ich hatte gewonnen. Wir beide wussten das, er konnte das aber vor der versammelten Klasse nicht zugeben. Seine Argumentation war mit einem Satz komplett aus den Angeln gehoben worden. Erst recht, als mir die Klassensprecherin beipflichtete. Blöd für meinen Lehrer war außerdem, dass mein Fluchtreflex sich nicht meldete. Dabei wäre der bei diesem Anblick absolut berechtigt gewesen. Mein Lehrer erinnerte inzwischen mehr an eine Horde wilder und wütender Orks, denn an einen studierten Pädagogen. Trotzdem wollte in mir nichts fliehen. Ich hatte dermaßen Oberwasser. Ich stand da vor ihm, wartend, um seinen nächsten Angriff einfach von oben herab wegzuwischen. Doch da kam nichts mehr. Der Mann holte tief Luft, drehte sich um und ging weg. Ich war der Held meiner Klasse. Den Mathelehrer in seine Schranken zu weisen war mein größter Triumph – man war ich naiv.

Fünf Wochen später gab es blaue Briefe. Ich stand in allen Fächern so, dass ich eigentlich verschont bleiben sollte, als es plötzlich und völlig unerwartet Post aus der Schule gab. Natürlich nicht wegen Mathe, in dem Fach hatte ich ne glatte 1. Aber wussten Sie, dass Lehrer miteinander sprechen? Vor allem die Lehrer einer Klasse tauschen sich untereinander aus. Mein Mathe-Ork hatte sich mit dem Kollegen aus Französisch unterhalten. Als echter Fremdsprachenkünstler wandelte ich hier auf einer sicheren 4-5. Grund genug, nach meinem Hausaufgaben-Streik – zu dem ich bis heute felsenfest stehe – mir doch noch nen blauen Brief zu verpassen. Mist.

Zurück zur Englischstunde des heutigen Tages. Ich sitze an meinem Text und oben höre ich immer wieder die vertrauten Geräusche des TipToi-Stiftes. Der Grundschüler und ich haben vereinbart, dass er zu mir kommt und mir zeigt, was er alles gelernt hat, wenn er fertig ist. Nach rund 30 Minuten ist es das erste Mal soweit. Stolz verkündet er: „Ich bin fertig.“ – „Toll, Du hast die erste Seite komplett durchgearbeitet?“ – „Wieso die erste Seite? Das ganze Buch.“ Wie erwähnt, ich kenne das TipToi-Konzept und weiß daher, dass er das nicht alles erledigt hat. Aber machen wir doch die Probe aufs Exempel. Ich zeige auf die unterschiedlichen Dinge, die ich so sehe und frage ihn, was das denn auf Englisch heißt. „Kitchen, Livingroom, Toys“, alles einwandfrei. Bis ich auf einen Teppich zeige. „Na gut, ich habe nicht alles gemacht.“ Drei Gegenstände weiter, die ungefähr die gleiche Antwort liefern, klappt er das Buch zu und trottet wortlos zurück in sein Zimmer. Dieses Spielchen machen wir noch dreimal, aber immer mit dem Erfolg, dass er sich erneut an die Arbeit setzt.

Nach nun schon zehn Tagen sind wir also so weit, dass er mich als Lehrkraft zumindest ersatzweise akzeptiert. Hin und wieder versucht er zwar noch zu diskutieren, aber die Gegenwehr wird weniger. Sicher, es gibt hier und da kleine Ausbrüche auf beiden Seiten, aber im Großen und Ganzen kommen wir vorwärts. Morgen ist übrigens Mathe dran. Ich hoffe Maestro liest diese Zeilen vorher nicht…

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