Tag 1 – 16.03.2020

Es war seit Tagen klar und jetzt ist es also so weit: Schulfrei für fünf Wochen. Als unser Erstklässler letzte Woche davon hörte, währte bei ihm die Freude nur kurz. Denn direkt nach „Die nächsten 5 Wochen ist keine Schule“ bekam er den Satz „Und Du wirst trotzdem lernen“ um die Ohren. Es ist schon erstaunlich, wie schnell ein fröhlich lachendes Kindergesicht binnen Sekunden in blanke Wut umschlagen kann. Hatten wir ihm doch für die nächsten Wochen zunächst den Himmel auf Erden prophezeit, um dieses Paradies nur Sekunden später wieder zu zerstören. Kinder können grausam sein, Eltern aber eben auch.

Man darf das nicht falsch verstehen, der Kleine findet die Schule jetzt prinzipiell nicht schlecht. Aber dass er jeden Morgen mit großer Begeisterung in die Lernanstalt sprinten würde, wäre dann auch etwas übertrieben. Er geht ohne großes Murren hin, weil er ja muss. Aber wenn mal frei ist, findet er das auch schön. Ich habe inständig die Hoffnung, dass ihm die kommenden 5 Wochen dann doch derart zusetzen, dass er froh ist, wenn er endlich wieder seine Klassenkameraden in der Schule begrüßen darf. Warten wir es ab.

Jetzt heißt es erst einmal, dass wir uns hier die Bude teilen werden. Ich bin selbstständig und arbeite überwiegend am Rechner zu Hause. Ich weiß also, wie das ist. Doch ab heute turnt hier noch ein Siebenjähriger herum. Immerhin: aus der Schule kam bereits das Versprechen, die Eltern mit Material zu versorgen, aber das gibt es dann irgendwann morgen.

Da Sohnemann in eine Montessorischule geht und dort sehr viel so genannte „Freiarbeit“ stattfindet, in der die Schüler für sich an individuellen Lerninhalten arbeiten, wird es also hoffentlich auch nicht so schwer, ihn zu Hause zu beschulen. In der Schule gibt es für die Freiarbeit ein großes Rad, an dem jeder Schüler einstellt, welches Fach er grade bearbeitet. Zur Wahl stehen Mathe, Deutsch und Sachkunde. Ist eine Aufgabe in einem Fach durch, wird per Wäscheklammer im Uhrzeigersinn das nächste ausgewählt und es geht weiter.

Aufgabe 1 an Tag 1 für den Filius ist also: Bastel Dir so ein Rad. Mit den Worten „Ok, kein Problem“ und mit Schere, Kleber und Pappbögen ausgestattet, verschwindet der Nachwuchs in seinem Zimmer. „Das war ja leichter als gedacht“, sage ich noch zu mir, wohl wissend, dass das mit dem Rad jetzt auch dauern und den einen oder anderen Fehlversuch verursachen könnte. Egal, ich muss ja auch arbeiten.

Wobei? Was eigentlich? Die Welt da draußen scheint noch ganz normal zu sein. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und hin und wieder rauscht ein Auto vorbei. Nur der Blick in die aktuellen Nachrichten verrät: Da ist nichts normal. Das öffentliche Leben ist weit heruntergefahren. Soziale Kontakte sollen weitestgehend eingeschränkt werden, sämtliches Vereinsleben ist eingestellt, die Schulen sind wie gesagt dicht und wer kann, soll bitte im Homeoffice arbeiten. In diversen WhatsApp-Gruppen kommt erster Galgenhumor auf und man fragt sich, wie beispielsweise Piloten vom Homeoffice aus arbeiten sollen oder warum ausgerechnet Toilettenpapier gehamstert wird, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bin frisch selbstständig als Journalist und derzeit auf Kundensuche. Dieses blöde Virus kommt für mich zur absoluten Unzeit. Sämtliche Veranstaltungen sind abgesagt. Mögliche Treffen mit potentiellen Kunden sind erst einmal nicht möglich. Telefonieren wäre noch eine Option, doch wer gibt mir jetzt nen Auftrag ohne zu wissen, wann es wieder losgehen kann. „Läuft bei mir“, denke ich noch. Ich schwelge ein wenig in Erinnerungen. Jahrelang habe ich im Motorsport für Teams und Fahrer geschrieben, war in ganz Deutschland unterwegs. Von Rennstrecke zu Rennstrecke führte mein Weg und ich führte Interviews mit Fahrern, Teamchefs, machte Fotos, schrieb meine Texte… „Paaapaaa, feeertig“, Kinder holen einen so schnell in die Realität zurück. Hab ich etwa jetzt ne halbe Stunde verträumt? Der Blick auf die Uhr verrät: Nope, wir sind grade mal zehn Minuten weiter. Entweder mich erwartet die schnellste Bastelarbeit des Jahrhunderts oder der Kleine hatte Null Bock.

Eine Treppe weiter unten kommt die Antwort und sagen wir mal so: Mit Enthusiasmus war Maestro nicht dabei. Von „rund“ kann bei diesem Rad nicht direkt die Rede sein und irgendwie wirkt das ganze ein wenig lieblos. Wie gesagt: Der größte Fan vom Prinzip „Schule“ ist der Kleine nicht. Ich hole einen Teller raus, nehme neue Pappe – natürlich nur unter lautstarkem Protest des Sohnes – und male ihm auf, was er ausschneiden soll. Dann erkläre ich ihm noch, wie er die Teile am besten zusammenklebt, aber er darf auch gerne ausprobieren.

Hätte ich das mal besser nicht getan. Exakt 5 Minuten später schrillt wieder das schöne „Paaapaaa, feeertig“ durchs Treppenhaus. Was soll ich sagen: Es ist ein Fortschritt. Aber mehr als das, was ich gesagt habe, hat er dann auch nicht gemacht. „Hör mal. Wie wäre es, wenn Du zu den einzelnen Fächern noch was schönes draufmalst?“ – „Dann schreibe ich ein M, ein D und ein SU drauf.“ – Tief ein- und ausatmen, nicht aufregen. Der Kleine soll ja positiv in die nächsten Wochen gehen und wir sind an Tag 1. Hilfe, Tag 1, wie soll das noch weitergehen? „Also weißt Du, ich fände es total toll, wenn Du zu jedem Fach auch wirklich ein kleines Bild drauf malst.“ Und weil ich ihn ja kenne: „Und bitte nicht alles in einer Farbe, einfach schön bunt.“ Der Herr hat es ja schon geschafft, tolle Bilder in fröhlichem schwarz zu fabrizieren. Warum? „Weil schwarz schön ist“, so die Antwort des Künstlers. „Weil Du keine Lust drauf hattest und schnell fertig werden wolltest“, ist die Meinung seines Vaters. „Weil er schwer gestört ist“, könnte ein Psychologe sagen, aber solch einfarbige Kunstwerke lassen wir dann doch dezent verschwinden.

Zurück zum Freiarbeits-Rad. Mit ein bisschen Murren und zahlreichen Buntstiften ausgestattet, macht sich der Nachwuchs wieder an die Arbeit. Für fünf Minuten. Dann stapft er die Treppe hoch. Ich befürchte Schlimmstes, doch diesmal liefert er dann doch ein anschauliches Ergebnis. Der Blick auf die Uhr verrät aber: So viel Zeit ist jetzt noch nicht vergangen. „Ich geh spielen“, verkündet der Erstklässler, doch ich bin schneller. „Du hör mal, in der Schule müsstest Du jetzt noch weiterarbeiten. Nimm doch einfach Deinen Tinto-Ordner und mach ein paar Buchstaben.“ Der Tinto-Ordner ist die derzeitige Allzweckwaffe unseres Schulsystems um Schreiben zu lernen. Kaum eine Grundschule in NRW, die nicht darauf setzt. „Wie lange muss ich denn noch“, ist die zwar nicht begeisterte Antwort, aber immerhin protestiert er nicht komplett. Wir einigen uns auf eine Stunde, die er erstaunlich gelassen angeht und sogar durchzieht.

Strahlend kommt er 60 Minuten später wieder in mein Büro und präsentiert das Ergebnis seiner Arbeit. „Und jetzt habe ich Hunger.“ Es ist kurz nach zehn Uhr morgens. Aber klar, da steht in der Schule ja auch die Frühstückspause an. Eine Pause in meinem Nichtstun kann ich auch gebrauchen. Während er kurz darauf sein Knäckebrot krümelt, fällt mein Blick auf den Stundenplan. Eigentlich steht heute Sport auf dem Programm. Warum eigentlich nicht? Ich wollte für die nächsten Wochen eh noch einen Laptop kindersicher machen, das kann ich bei dem aktuellen Wetter auch auf der Terrasse tun während Sohnemann sich austobt. Schließlich locken satte 15 Grad und Sonnenschein nach draußen.

„Duhu“, flöte ich betont positiv, „eigentlich hast Du ja heute Sport.“ Mit einer Mischung aus feuchten Knäckebrotkrümeln und Spucke antwortet Sohnemann „Ja wieso?“. Mein Fehler, lass das Kind erst runterschlucken, bevor Du fragst. „Dann lass uns doch jetzt Sport machen. Du fährst draußen Rad und ich setze mich hin und mache Dir für Forschungen einen Laptop fertig.“ – „Nein“ – „Nein? Wieso nein?“ Innerlich setze ich zur Standpauke an: „Hör mal Sohnemann, Deinem Sportlehrer…“ – „Ich fahre Inliner.“ Uff, das ist nochmal gutgegangen.

Wir gehen also raus. Sohnemann rollt über die Terrasse und ich werkel am Laptop. Ich sitze im Schatten, er fährt in der Sonne. Nach 10 Minuten sind meine Finger bei diesen eiskalten 15 Grad gefühlte Eisklötze. Ich will wieder rein. Er hat Spaß, gibt Vollgas und tobt sich aus. „Das ist wichtig für ihn, jetzt bloß nicht bremsen“, sage ich zu mir. Außerdem ist der Akku des Laptops platt und grade läuft ein Systemupdate. Das Ding muss daher jetzt an der Terrassensteckdose bleiben. Also Zähne zusammenbeißen und einfach sitzenbleiben.

Eine Stunde später. Ich bin ein Eiszapfen und bekomme vor Kälte kaum noch mit, welche Kunststücke der Kleine inzwischen vollführt. Vielleicht liegt das auch daran, dass das Systemupdate bereits zum dritten Mal erfolglos abbricht. Mir ist kalt, ich hab Hunger und muss aufs Klo. „Sport ist zu Ende“, presse ich grade noch so hervor. Glücklich und mit roten Wangen stapft Sohnemann wieder rein. Ich brauche erst mal etwas Heißes zu trinken und eine Decke. In zwei Stunden kommt meine Frau nach Hause, dann ist sie dran. „Ich gehe in mein Zimmer und spiele was“, nur Eltern wissen, wie erlösend solche Kindersätze sein können.

Als die Angebetete vorfährt, habe ich mich von der Unterkühlung wieder erholt. „Und, wie war es?“ – „Ach eigentlich ganz gut.“ – „Schön. Wir dürfen übrigens jetzt mehr Homeoffice machen, wenn wir möchten…“ Ich mache innerlich Freudensprünge. „…aber wenn das hier so gut klappt, dann bleibe ich im Büro. Da ist derzeit sowieso sonst niemand.“ Na gut, morgen wird ein neuer Tag, das schaffe ich schon.

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